21.11.2024
Futuring: Wie werden wir uns 2048 ernähren?
Ein kleines Futuring-Szenario
Ein kleines Futuring-Szenario
Die Zukunft ist unvermeidlich, warum also sollte man sie fürchten? Das Unbekannte kann beängstigend oder unangenehm sein, aber es birgt auch Möglichkeiten. Wir können die Zukunft als Möglichkeitsraum für Wachstum und neue Wege betrachten. Es gibt nicht nur eine Zukunft, die auf uns wartet, auch wenn manche Menschen dies behaupten. Wir sind nicht dazu verdammt, in einer Welt zu leben, die nur von Robotern beherrscht wird. Die Frage ist: Wie können wir eine Zukunft gestalten, die in der Gegenwart beginnt? Das macht Futuring so interessant: die Suche nach neuen möglichen oder plausiblen Zukunftsszenarien.
Als Designerin möchte ich mehr tun, als Dinge nur ästhetisches zu gestalten. Futuring hilft mir, weiter zu denken und mit mehr Haltung für die vielen Stimmen in dieser Welt zu handeln. Es hilft mir, mich in einer Zukunft zurechtzufinden, die sich immer schneller verändert, und lässt mich mit Neugierde ins Unbekannte vorstossen.
Bilder: KI-generiert mit Firefly
Futuring Case während meines CAS an der écal
In der Schweiz fallen jedes Jahr 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an. Rund 11 % davon entstehen in der Landwirtschaft. Bis zu 90 % der Verluste in der Lebensmittelproduktion könnten vermieden werden. Wenn Lebensmittel verschwendet werden, werden auch alle Ressourcen verschwendet, die für ihren Anbau aufgewendet wurden: Wasser, Boden, Treibstoff, Arbeitskraft und Geld.
Am Ende des CAS wurde uns die Aufgabe gestellt, eigene Szenarien zu entwickeln. Ich entschied mich für das Thema Lebensmittel und konzentrierte mich auf eine Frage: Wie sieht die Zukunft der Lebensmittelverschwendung aus? Diese Frage entstand während meines kurzen Engagements bei Gmüesgarte, einem Verein, der Gemüse verkauft, das von Grosshändlern abgelehnt wurde, weil es nicht den strengen Standards entspricht. Das hat mir gezeigt, wie sehr Verschwendung mit Systemen, Gewohnheiten und Erwartungen verbunden ist. Bei Lebensmittelverschwendung geht es nicht nur um Ökologie. Es ist auch ein kulturelles und relationales Verhalten. Es zeigt, wie eng oder wie lose wir mit dem verbunden sind, was uns ernährt. Die Ausgangsfrage lautete dann: Wie werden wir in Zukunft essen?
Zunächst mussten all diese undeutlichen Fragmente geordnet werden. Gesammelte Signale kamen aus vielen Richtungen: Zero-Waste-Restaurants, pflanzliche Ernährung, Pestizidvorschriften, gemeinschaftlich unterstützte Landwirtschaft, mehr junge Menschen, die in die Landwirtschaft einsteigen, Klimawandel oder sogar die Popularität des Spiels Farming Simulator. Jedes Signal wurde mit Zeithorizonten, Treibern (STEEPL) und Wahrscheinlichkeiten versehen.
Signale «unterhalb des Radars» fügten weitere Ebenen hinzu: Closed-Loop-Landwirtschaft, Keyline-Design, Flüssig-Mahlzeiten, Indoor-Landwirtschaft, Essrituale und neue Landnutzungsplanung. Diese Fragmente deuteten auf kulturelle und technologische Veränderungen hin, die mit der Zeit an Bedeutung gewinnen könnten. Bei der Zukunftsforschung geht es weniger um Vorhersagen als vielmehr darum, aufmerksam zu sein.
Von der Kartierung bis zur Clusterbildung zeigten sich Unsicherheiten und es eröffnete sich ein Herausforderungsraum. Wird unsere Beziehung zu Lebensmitteln enger werden oder lösen wir uns davon? Wie werden sich Städte entwickeln, zu urbanen Zentren oder bebautem Land? Diese Fragen wurden zu den Achsen geordnet. Anhand der vier Quadranten entwickelten sich Szenarien.
Von den vier Szenarien habe ich mich auf «Harvesting Change» konzentriert. Auf der Makroebene stellt es sich eine Schweiz vor, die zu einem zusammenhängenden Stadtgebiet geworden ist. Nicht dystopisch, aber dicht besiedelt. Ackerland ist verschwunden, um Platz für dringend benötigten Wohnraum zu schaffen, doch die Landwirtschaft wird durch vertikale und urbane Systeme fortgesetzt, die in Gebäude in der ganzen Nachbarschaften integriert sind. Durch Migration ist die Bevölkerung auf über 10,5 Millionen angewachsen. KI hat Teile der Dienstleistungsbranche übernommen. Die Menschen arbeiten mehr in sozialen Berufen und in der Landwirtschaft. Das Leben verläuft in einem langsameren Tempo.
Auf der Mesoebene verwandeln sich Dächer und Fassaden in Anbauflächen. Die Gemeinden bauen gemeinsam ihre eigenen Lebensmittel an, was eine zentrale Aktivität darstellt. Der Klimawandel bringt neue Sorten und Geschmacksrichtungen mit sich. Viehhaltung wird selten, pflanzliche Lebensmittel werden zur Norm. Land ist knapp, aber wertvoll. Kochen, Ernten und Essen werden zu gemeinsamen Ritualen.
Die Mikroebene macht dieses Szenario persönlicher. Mia und Liam, beide 2024 geboren, sind in diesem fitkiven Szenario im Jahr 2048 24 Jahre alt. Sie leben in einer Wohngemeinschaft, die mit Solarenergie und Biomasse betrieben wird. Ihre Hochbeete liefern den Grossteil ihrer Lebensmittel. Sie kochen mit allem, von der Wurzel bis zum Blatt. Eine mit ihren Beeten verbundene App hilft ihnen bei der Entscheidung, was sie mit jeder Ernte kochen sollen. Die Technologie unterstützt ihre Achtsamkeit, anstatt sie davon zu entfernen.
Dieses Szenario idealisiert die Zukunft nicht und ignoriert auch nicht ihre Schwierigkeiten. Zukunftsgestaltung und bewusstes Design sind ein Prozess, der aufmerksam, iterativ und relational ist. Was wir gestalten, prägt die Welt. Das bringt Verantwortung mit sich. Essen ist etwas Persönliches und auch etwas Kollektives. Sich die Zukunft der Ernährung vorzustellen bedeutet, sich die Zukunft der Fürsorge, des Zugangs, der Kultur und der Gemeinschaft vorzustellen. Es regt uns dazu an, neu darüber nachzudenken, wie Städte die Menschen ernähren, wie Systeme gestaltet sind und wie Design dazu beitragen kann, dass Ideen Wurzeln schlagen. Harvesting Change ist mehr als ein Szenario. Es erinnert uns daran, dass die Zukunft nicht fest geschrieben ist. Dieses Szenario denkt an diejenigen, die die harte Arbeit leisten, uns zu ernähren. Wie in Asien sollte jedes Reiskorn in der Schüssel gegessen werden, um das zu ehren, was uns nährt.